Es war einmal… pfaffenfrei

Es war einmal und kommt wieder. So endet der erste Teil der Geschichte von Wohlfühlbach. Dem Erzähler wurde geflüstert, daß es dort noch richtig turbulent wird, bis die Menschen sich wieder auf ihre gemeinsamen Wurzeln ohne Gier, Neid und Mißgunst und ohne Hauen und Stechen besinnen.

Hatten sich die Bewohner von Wohlfühlbach doch schnell an das neue Leben gewöhnt, das von dem großen Haus inmitten des Dorfplatzes fortan bestimmt wurde. Ihr erinnert euch sicher noch an den ersten Wanderer, der mit den wunderschönen bunten Kleidern und dem runden Blech mit den vielen bunten Steinen auf dem Kopf. Hatte der nicht schon genügend Unruhe ins Dorf gebracht, auch das noch. Aber der Reihe nach. Wohlfühlbach erlebte etwas, das wir heute als Landflucht bezeichnen und das auf sonderliche Weise.

Der Rübenbauer war ein schlaues Kerlchen, saß in der ersten Reihe bei der Einweihung des ganz großen neuem Hauses – Tempel und neuerdings Kirche genannt und verstand gar nichts von der Einweihungsrede in der fremden Sprache, so wie alle anderen Bauern und die Dorfbewohner. Er wollte jedoch verstehen, was der 1. Wanderer, den wir ja inzwischen Oberpfaffe nennen, so von sich gab. Hatte er doch schon lange gespürt, daß es noch was anderes gibt als nur ackern und die eigene Brut pflegen. Vielleicht gibt es noch eine andere Brut, die es zu pflegen gilt. Weswegen sonst ist der Pfaffe hierhergekommen. Obwohl die ganze Kirche voll war, ist dem Pfaffen der fragende Blick des Rübenbauern aufgefallen. Nachdem Füßelecken und dem ohrenbetäubenden Lärm aus den Rohren an der Wand war die Versammlung beendet und der Pfaffe begrüßte den Rübenbauer persönlich. Was für eine Ehre. Nun mein Sohn, du scheinst für Höheres bestimmt, ich will mich deiner annehmen. ‚Mein Sohn‘ hatte er bisher zwar nur von seinem Vater gehört, aber dieses liebvolle Wort von einem Fremden zu hören ist sicher eine besondere Ehre. Ich werde dir unsere Sprache lehren und zeigen, welche wunderbaren Dinge es noch zwischen Himmel und Erde gibt. Da ich wenig Zeit habe, werde ich dir einen Lehrer schicken, der dir nebenbei auf deinem Hof zuerst unsere Sprache beibringt. Was ist Zeit? Was ist Lehrer? Genau das wird der dir erklären, mein Sohn.

Es verging kein Mond, das Feld stand in voller Blüte – es versprach ein gutes Erntejahr zu werden, kam der versprochene Lehrer mit brauner Kutte und Kapuze verhüllt auf den Hof des Rübenbauern. Was für ein Anblick bei diesem Wetter.  Der Bekuttete verhüllt wie im Winter, der Bauer wegen der großen Hitze nur mit einem Lederschurz bekleidet. Gerade auf dem Weg zur Heuernte, weil ein Gewitter nahte, mahnte ihn der Lehrer an: Es gibt jetzt wichtigeres. Beginnen wir sofort mit der Schule. Gesagt, getan. Gott ist groß, wurde ihm gelehrt. Da er das nicht begriffen hatte, einigten sich beide auf einen weiteren Schultag. Inzwischen kam was zu erwarten war – das Gewitter, das die Heuernte vernichtete. Seine Viecher verhungerten im kommenden Winter oder platzten an Blähungen ob des nassen faulen Futters, da er in seiner Verzweiflung denen fütterte. Alle Viecher verreckten – nur wegen einem Tagwerk Schule. Der Rübenbauer war am Ende, seine geliebte Frau, die ihn bisher in allen Problemen unterstützte ging in eine der Städte, die in dieser Zeit wie Wildwuchs entstanden. Was Stadt ist, wird erst später klar, wenn fast alle Bauern dort sind. Möchte der Geschichte nicht vorgreifen. Wartet es ab. Sein Sohn, der einmal den Hof übernehmen sollte, fand die braune Kutte toll, zog sofort eine an und weg war er. Der Rübenbauer wollte seinem Leben das Ende bereiten. Der Strick, mit dem der Ochse früher den Pflug zog, sollte seinen finalen Zweck erfüllen. Ich möchte euch den Anblick des Rübenbauers ersparen, der sich selbst sein Leben ausgehaucht hat. Von nun an zählte Wohlfühlbach ein Bauer weniger.
Der Sohn des toten Bäuerleins vermachte sein Erbe sofort der Gemeinschaft der Braunkutten, denen er viel zu verdanken hatte. Nicht nur schreiben und lesen, sondern und vor allem, daß nur ein Leben ohne Besitztümer ein ehrenwertes Leben ist, hat er bei denen im Kloster gelernt. Über die Herkunft des Wortes Kloster gibt es keine sichere Quelle. Gerüchten zufolge soll es mit der Klosterküche zu tun haben. Ludwig der Gnadenlose, der hier einmal verköstigt wurde, schreibt man den Ausspruch zu: Das schmeckt hier wie dünne Klosbrühe aus dem Klosett. Lassen wir uns nicht ablenken durch solche Wortklauberei. Es war hier darzustellen, wie die Braunkutten zu ihren ersten Ländereien kamen- und es sollten noch viel mehr werden.

Die Jahreszeiten vergingen und wiederholten sich, ohne daß sich viel regte in Wohlfühlbach. Jeder ging seinem Tagwerk nach wie er es schon immer gewohnt war. Aber irgendwie war es doch anders als früher, wo man noch gemeinsam auf dem Marktplatz im Kreis sitzend, fröhlich den Tag liedersingend  mit Selbstgebrautem ausklingen lassen konnte. Seit dort die große Kirche steht, beschränkt sich die gemeinsame Zusammenkunft auf den Tag des Herrn, wie ihn der Pfaffe nennt. Erinnern wir uns noch an die Einweihungsfeier der Kirche? Jeder durfte fortan nur noch den Arsch des Vordermanns betrachten, in Reih und Glied. Viel später sollten sie kennenlernen, daß es noch ein anderes Reih und Glied gibt, das ihnen zum Verhängnis wird – auch mit großen lärmerzeugenden Rohren – nur diesmal nicht an der Wand hängend, wie der mit dem zum Trocknen seiner Wunden, sondern bewegliche Rohre, die noch mehr Lärm machen und dazu auch noch rauchen.

Die restlichen Bauern guckten nun öfter in den Himmel als früher. Da genügte frühmorgens ein Blick und man wußte wie das Wetter heute wird. Fortan schauten sie weniger nach dem Wetter als nach dem Herrn, der da bald absteigen wird um die Welt zu retten, die vorher nicht zu retten notwendig war, weil sie gut war wie sie war. Dabei vergaßen sie manchmal nach dem Wetter zu gucken mit verheerenden Folgen.

Es war wieder ein Tag des Herrn, den wir ab sofort Sonntag nennen wollen, an den sich die Bauern und die Handwerker gewöhnt hatten. Sie versammelten sich alle in der Kirche. Brauche nicht erwähnen, daß sie Frau, Kind und Kegel mitschleiften, obwohl die sich anfänglich wehrten. Den Kindern war dabei am Unwohlsten. Sie mußten förmlich an den Ohren in die Kirche geschleift werden. Ob die noch eine gesunde Abwehr gegen das kommende Unheil hatten, überlasse ich dem Leser einzuschätzen. (Anm. des Erzählers: Wir werden viel später, etwa im Jahre 1845 nach der Erfindung des Befreiers unserer Sünden nachlesen können, was mit ‚Unheil‘ gemeint ist. Otto von Corvin hat es in seinem Pfaffenspiegel offengelegt.  http://www.humanist.de/religion/pfaffe.html )
Muß auch dazu sagen, daß Kegel kein Problem waren, jedenfalls vor dem Eintreffen der Pfaffen. Sie waren so willkommen in der Gemeinschaft wie die Dorftrottel. Jedes Leben war willkommen. Wirklich? Ja, zumindest bis der Pfaffe kam. Der mahnte Enthaltsamkeit an, verteufelte die Lust, während er unter seiner Kutte ein wohliges entspannendes Gefühl hatte beim Anblick der vielen Kinder, die die Bewohner in die Kirche mitschleiften. Bastarde, Dorftrottel und Krüppel, früher wohlversorgt, waren ab sofort aus Pfaffens Munde die Ausgeburt des Teufels. Was der Teufel und das Fegefeuer ist, hatte der Weinbauer und die anderen bereits bei den vergangenen sonntäglichen Predigten gelernt. Hatte es doch so einen Bastard des Teufels auf seinem Hof, den die ganze Familie früher liebevoll pflegte. Nun endlich wurde er aufgeklärt, daß der Bastard die Ausgeburt des Teufels ist. Davon muß er sich sofort trennen um nicht noch größeres Unheil nachzuziehen. Kaum zu Hause fühlte sich der Weinbauer  elend wie noch nie im Leben zuvor und faßte einen folgeschweren Entschluß. Das Teufels Werk muß vernichtet und ins Fegefeuer geschickt werden. Was liegt näher als das Feuer selbst zu entfachen – er hatte doch eine Wurzel der Selbstverantwortung inne, wie ihm der Pfaffe erklärte –  zum Zeichen der Gottestreue. Diese sollte sein Lebenswerk beenden. Es ist gar nicht so einfach, die eigene Brut zu vernichten. Dazu bedurfte es einer weiteren Vorbereitung, zumindest in der damaligen Zeit. Die Gehirnwäsche war noch nicht soweit, wie heute, daß Pfaffens oder Politikers Geschwurbel ausreichte, um sich und die eigene Brut zu zerstören. Es gab noch keine modernen Medien, die das bewerkstellen konnten. Da erinnerte sich der Weinbauer an den alten Weingeist, der früher manchmal gute Dienste leistete und bei manchen Problemen aus der Patsche half. Gut, manchmal erst am nächsten Tag, frühmorgens kurz vor dem Sonnenuntergang, aber immerhin. Den hatte er befragt. Aber von dem kam keine Antwort oder ein Rat mehr, so wie er es früher gewohnt war, obwohl er ihn intensiv befragte. Wenn selbst der Weingeist mich verlassen hat, will ich dem Hier ein Ende bereiten. Nachdem er aus zwei Flaschen den Weingeist entlassen hatte, zündete Haus und Hof an. Mit ihm verbrannten die bisher alle von ihm so geliebten Lebewesen. Am nächsten Sonntag wetterte der Pfaffe: Seht her, was die Wollust für verehrende Folgen hat. Gottes Zorn hat die ausgelöscht. Des Pfaffen Sprache war etwas undeutlich. Manch einer der restlichen Dorfbewohner erinnerte das an den Weingeist als er die Worte des Pfaffen hörte. Wie dem auch sei. Der Hofooff desschwegge Wolluschdd unn Baschdaaard – rülps rülps istsch  middd Fluch ttt belegt. Alleiii mir kenne den vom Fluchhh befreieee. Dabei verfärbte sich seine Kutte wieder in der Mitte als er die vielen Kinderlein sah.  Er hielt die rechte Hand schräg nach oben zu Gottes Gruß. Die andere hielt das Gleichgewicht zitternd in der Kutte. Niemand traute sich fortan mehr auf das Grundstück des Weinbauers, aus verständlichen Gründen.  Lag doch ein Fluch darauf in Gottes Namen. So kam die Kirche zu ihrem nächsten Grundstück. Niemand sonst wollte es haben, da es mit einem Fluch verhaftet war, den allein die Kirche entfernen kann.

Kommen wir zurück zum Wetter, das dem  Birnbauer die Aufgabe seines Hofes  erleichterte. Der hieß nicht so, weil er übermäßig Birnen geerntet hätte, sondern weil er einen birnenförmigen Kopf hatte, nur etwas größer, etwa wie eine Melone. Wir werden später erfahren, daß ein großes Hirn nix zum Menschensein beiträgt. Es war ein angenehmer Sommerabend. Er genoß den wunderbaren Sonnenuntergang mit einem Gläschen Weingeist und einer Zigarre auf seiner Terrasse als sich ein Wanderer frohgemut näherte. Gastfreundlich wie die Bauern in Wohlfühlbach nun mal sind, lud es den Fremden zu einem Gläschen Weingeist ein. Es wurde bis spät in die Nacht, bis zum Morgengrauen  geplaudert, wobei der Fremde eigentlich nur plauderte. Er erzählte von seiner fernen Heimat, wo Honig und Milch fließen ohne sich anstrengen zu müssen. Er kannte sogar die Frau des Rübenbauers, die sich inzwischen dort besonders wohl fühlt. Die freut sich den ganzen Tag und manchmal die ganze Nacht, daß sie den Schritt gewagt hat, das Bäuerleinleben verlassen zu haben. Nicht, daß man dort nicht arbeiten muß, aber die Arbeit ist dort das reinste Vergnügen ohne sich krummbuckeln zu müssen. Na ja, manchmal macht man dort auch einen Krummbuckel, wenn gewünscht – aber nur zum Vergnügen. Es gibt in der Stadt inzwischen viele Häuser der Freude und solche, in denen überhaupt nicht mehr gearbeitet werden muß. Man muß den ganzen Tag nur dort drin sitzen und warten, bis Honig und Milch hereingetragen werden. Durch ihre Vorbildung fiel ihre neue Aufgabe nicht besonders schwer. Hatte sie doch auf dem Hof früher Hengste gepflegt und die Schwänze gebürstet. Aber diese neue Tätigkeit wollen wir nicht weiter beschreiben. Sie ist der frühkindlichen Erziehung nicht würdig, wenn auch die Pfaffen damit die Kinder gerne auf das spätere ernste Leben vorbereiten wollen und die Grünen heute solche befürworten. Während der Birnbauer immer neugieriger wurde, braute sich ohne daß beide es bemerkten ein großes Unwetter heran. Innerhalb Minuten war der Himmel mit pechschwarzen Wolken behangen, die sich trichterförmig auftürmten. So was hatten beide noch nie gesehen und bestaunten dieses Schauspiel, jedoch nicht lange. Ein schwarzer Wolkentrichter kam mit unheimlicher Eile daher gefegt, riß Haus und Stall in Fetzen, zerstreute Wände, Dächer, Möbel und Vieh auf dem ganzen Acker. Haus und Hof kaputt, Vieh tot und Ernte platt, so die Bestandsaufnahme am nächsten Morgen. Was den Birnbauer besonders verwunderte, war, daß einzig und allein die Terrasse auf der beide saßen unbehelligt blieb. War das nicht ein Zeichen Gottes? Wäre der Fremde mit der braunen Kutte nicht gekommen, hätte er sich frühzeitig aufs Ohr im Haus gelegt und mit dem Sturm bereits tot, weggefegt, irgendwo auf seinem Acker liegend. Er sah keinen Sinn mehr, hier noch weiter zu verweilen. Zumal seine zwei besten Freunde in Wohlfühlbach bereits tot sind. So ging er schweren Herzens mit dem Fremden in die Stadt. Bevor wir die Geschichte des Birnbauers weitererzählen, wollen wir sehen, was aus dem nächsten wurde. Nur so viel sei vorerst verraten, er ist heute verhartzt und das gleich viermal.

Dem Schweinebauer wollen wir eine besondere Aufmerksamkeit widmen. Er wird uns später in der Stadt noch einmal begegnen. Muß den empfindlichen Leser jetzt warnen, weiterzulesen, wenn er sich weiterhin in der schönen Welt der Vergangenheit tummeln will. Der möge sich besser die Rosamunde Pilcher einlullen.

Nun, es war nicht mehr alles so rosig für ihn in Wohlfühlbach nach dem Erscheinen der Fremden. Wie kam es dazu: Er hatte auf seinen Hof einigen der Bauarbeiter, die nach der Vollendung des größten aller Häuser durchgehalten hatten und noch lebten, Brot und Unterkunft gewährt. Verkohlt,  verschrödert,  ausgemerkelt und ausgeschäufelt , wie sie waren, hatte der Schweinebauer durchaus noch ein Mitgefühl für diese Kreaturen, die Helfer, die in Ketten ankamen, damit sie sich nicht verlieren beim Bauen der Kirche. Der Schweinebauer hatte ein Herz für diese Sklaven, wie wir sie ab sofort nennen wollen und viel später das kleine Arschloch.

Seit er sah, wie die sich in seiner Obhut benahmen, kamen ihm neue Gedanken. Übertrafen sie sich gegenseitig an Arbeitseifer aus Dankbarkeit für einen Teller Klosbrühe am Tag. Die Klosbrühe hatte er kennengelernt als er das erste zerlegte Schwein in das Kloster liefern durfte, das inzwischen auf dem ehemaligen Hof des Rübenbauers steht. Für das fette zerlegte Schwein bot man ihm einen Teller Klosbrühe und ein ‚Vergelts Gott‘ an. Man mag ja Schweinebauern zu den geistigen Existenzminimalisten zählen, aber das ließ ihn seine Stirn runzeln. War es bisher nicht so in Wohlfühlbach, daß jeder sein Bestes gab und im Tauschhandel zufrieden leben konnte. Nun das hier: Vergelts Gott.

Hat der vergeltende Gott jemals Schweine gefüttert, mein Haus gedeckt oder mir Schuhe genäht? kam ihm in den Sinn. Soll ich von nun an Vergelts Gott an meine Füße schnallen? Er ahnte noch lange nicht, daß mit Vergelts Gott die erste Steuer eingeführt wurde um ihn vor Gottes Zorn zu schützen. Zunächst war der Schweinebauer etwas verwirrt. Er hatte das nicht erwartet, da er bisher gewohnt war, seinen Hof selbst zu bearbeiten. Aber wenn die sich sogar um die Arbeit auf dem Hof für einen Teller Klosbrühe prügeln, warum dem nicht so geschehen lassen. Er hätte sie gerne an den üppigen Mahlzeiten teilhaben lassen, die auf den Bauernhöfen üblich waren. Aber diese wollten gar nichts mehr als Klosbrühe. Jeder soll bekommen was er braucht, war die Einstellung der Menschen bisher in Wohlfühlbach. Daher gewöhnte sich der Schweinebauer schnell an die Bedürfnisse dieser kleinen Arschlöcher. Zumal die Nachfrage nach seinen landwirtschaftlichen Erzeugnissen immer größer wurde. Das konnte er eh bald nicht mehr allein stemmen. War er bis zum Erscheinen der Pfaffen und er Sklaven ein redlicher Schweinebauer, so wie jeder andere Landwirt oder Handwerker in Wohlfühlbach, so kamen ihm ganz neue Gedanken in den Sinn, zumal die Nachfrage an Schweinen immer größer wurde und er im Tauschhandel gar nicht mehr so viel Gegenleistung annehmen wollte, die zudem noch unnütz waren. Mit den Pfaffen wurde er bald einig. Sie hatten ihm an jedem Tag des Herrn, am Sonntag, an dem jeder in der Kirche zu erscheinen hatte, erklärt, daß ihn der Blitz erschlagen würde, wenn er nicht weiterhin Schweine für Gottes Vergeltung liefern würde. Hatten sie ihm nicht für den irdischen Ausgleich die Sklaven geschickt. Nun, ihm fuhr das bis in die Knochen. Erinnerte er sich doch an den Zorn Gottes, wenn man seinen Gesetzen widerlebt. Das Drama des Weinbauers reichte um ihn in die Wirklichkeit zurückzuholen.

Nun, bisher ging es ohne das ab, was wir heute Geld nennen. In Wohlfühlbach war alles dem natürlichen Fluß  in Liebe von Geben und Nehmen vorhanden. Das änderte sich nicht nur durch die Eindringlinge von Pfaffen von jetzt auf nachher, sondern auch für lange Zeit als drei Pferdefuhrwerken mit in feinem Zwirn bekleideten Herren vorfuhren. Sie wollten Schweine, Gemüse und Obst für die Stadt einkaufen und boten ihm dafür ein paar kleine runde Blechscheiben, die sie Moneta nannten. Zuerst schüttelte er sich vor Lachen bei dem Anblick dieser putzigen kleinen Blechdinger, mit denen man nicht einmal einen Pferdefuß beschlagen kann. Er wurde aber bald eines besseren belehrt, welche wunderbaren Sachen man mit diesen Moneta machen kann. Er erinnerte sich jetzt auch daran, im Klosterhof einmal eine ganze Karre voll davon gesehen zu haben, ohne daß er dem eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Nachdem er sich bockig stellte, Schweine für ein paar dieser Moneta zu tauschen, luden sie ihn für zwei Tage in die Stadt ein, von der er bisher nur Gerüchteweise gehört hatte. Nach der Rückkehr war die Welt für ihn wie verzaubert. Öffnete ihm die Moneta Tür und Tor in der Stadt. Fressen, saufen und rumhuren, kleine Arschlöcher schikanieren – all die Freuden, die er bisher nicht vermißt hatte, weckten in ihm ein neues Lebensgefühl. Fortan war er nicht mehr der redliche Schweinebauer. Das bekamen auch bald die kleinen Arschlöcher zu spüren, die sich für einen Teller Klosbrühe am Tag auf seinem Hof – diesmal freiwillig abrackerten.  (Anm. d. Erzählers: Ludwig der Träumer nennt diese Freiwilligen heute das kleine Arschloch.)

Es muß ein besonderer Zauber auf den kleinen runden Scheiben liegen, damit sie einen redlichen anständigen Schweinebauer bis zum Investmentbanker verbiegen können. Ich habe euch jetzt die Zukunft des Schweinebauern in der Stadt verraten. Er hat seinen Hof an einen Investor für eine Karre voll Moneta getauscht, den er im Haus der Freude in der Stadt kennenlernte. Der lehrte ihn auch, wie man aus einer Karre voll Moneta ohne Mühe ganz viele machen kann – er wurde Investmentbanker. Während sich der Monetaspeicher des Investors und des Investmentbankers von Tag zu Tag verdoppelte, halbierte sich die Tagesration Klosbrühe auf dem Schweinehof. Zum Ausgleich durften die kleinen Arschlöcher das Doppelte schuften. Sie nahmen es ohne Murren hin, bis heute, hat sich der Erzähler sagen lassen. Erfanden sogar allerlei Dinge, die sie nach Feierabend für die die Mühsal auf dem Schweinehof belohnen sollten. Wir brauchen die hier nicht erwähnen. Sie sind heute aus Rundfunk, Fernsehen und Briefkastenwerbung, sowie aus dem Stau auf den Autobahnen  wohlbekannt.

Während der ehemalige Schweinewirt, der Pfaffe und der Investor so fett wurden wie die Schweine, die das kleine A durch liebevolles Füttern pflegt mit Monsanto-Kekse, die der Erzähler Soilent Green nennen will, verhartzt sich das kleine A gleich viermal. Liebt sogar die ehemaligen Schweinehirten und – vor allem, den ehemaligen Wanderer, der sie vor dem Regen schützen wollte. Wählt sie alle paar Jahre als ihre Führer. Ja, bleibt ihnen sogar über Jahrtausende treu.

In stiller Stunde kannst du lieber Zuhörer des neuen Dorftrottels Stimme vernehmen:

Hoffst auf Besserung, du Sklave – du kleines A, daß dir irgendwann jemand deine Ketten wegnimmt? Merkst du überhaupt noch, daß du Fesseln anhast? Fühlst dich bereits zur Elite, wenn du in der Waffenfabrik nicht mehr am Band malochen mußt, sondern in dem Käfig frei herumlaufen kannst.

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