Wählen heißt Entsagen

Piet fragte in einem Kommentar: Wie kann ich, falls ich nicht die „Deutsche Mitte“ wähle, am effektivsten bei der nächsten BuTaWa mein Missfallen den jetzigen Stinkern und -Innen ausdrücken? Nichtwählen wird ignoriert, eine niedrige Wahlbeteiligung ist eh schon Standard, ungültige Stimmzettel werden ebenfalls ignoriert. Manche schreiben „einen leeren Wahlzettel“ abgeben. Hmmmmm. Gibt es eine wirksame Alternative?

Ich möchte aus der Sicht eines Anarchisten versuchen hier eine Antwort zu finden. Die „Deutsche Mitte“ sehe ich da nur als Platzhalter für eine Partei, die kluge Gedanken hat und davon träumt, sie umzusetzen, falls sie die Wahl gewinnt. Bisher wurde jedoch jede Partei, die Regierungsauftrag bekam, innerhalb kurzer Zeit auf Linie gebracht. FDP (1971 mit ihren Freiburger Thesen), Grüne und Linke. Die von Natur aus Berufsverrätern bestehende SPD und CDU mal außen vor gelassen. Bei denen müßte jedem Wähler klar sein, daß er nach jeder Wahl verraten und verkauft wird. Es ist für mich keine Frage ob z. Bp. eine neue Partei wie die Deutsche Mitte umfällt – umerzogen wird, sondern wann.

Was also tun um das Idiotentheater zu brechen? Nichts und Niemanden wählen, so meine Antwort.

Der Einwand Nichtwählen wird ignoriert ist durchaus richtig. Man bedenke aber, Macht hat man nicht. Macht wird einem gegeben. In diesem Fall vom Wähler. „Alle Macht geht vom Volk aus.“ hat damit durchaus seine – wenn auch skurrile Richtigkeit.

Sinkt die Wahlbeteiligung unter eine kritische Marke, ist es aus mit der Macht. Die schätze ich auf max. 15 %. Deshalb werden Unsummen in Wahlwerbung verbraten. Ätzend lange Talk Shows mit den Politschranzen veranstaltet und in den Gazetten gebetsmühlenartig die gute Demokratie zur Religion erhoben. Wahlergebnisse geschönt.

Der Politiker profitiert nicht nur von einem hohen Wahlergebnis, sondern auch von einem (vlt. etwas unkorrekt ausgedrückt) morphischen Feld oder Aura, das der Wähler im überstülpt und ihm erst die Kraft und Macht für sein Handeln gibt. Dieser wesentliche Aspekt wird bei der Diskussion Wählen oder Nichtwählen gänzlich verdrängt.

Selbst bei einer Wahlbeteiligung von 3 % kann eine Regierung gebildet werden. Aber dann schlottern denen die Knie bei jedem Auftritt. Oder auch nicht, wie José Saramago „Die Stadt der Sehenden“ auf dramatische Weise beschrieb. Buchbesprechung hier


Elisée Reclus – „Wählen heißt entsagen“ (Brief an Jean Grave, 26.09.1885)
Clarens, Vaud, dem 26. September 1885.

Genossen!
Ihr fragt einen Euch wohlwollenden Mann, der weder Wähler noch Kandidat ist, nach seiner Meinung über die Anwendung des Wahlrechts.
Die Zeit, die Ihr mir gebt, ist kurz, doch da ich über den Gegenstand eine abgeschlossene Meinung habe, so kann ich in wenigen Worten das sagen, was ich zu sagen habe.
Wählen heißt entsagen; indem man sich einen oder mehrere „Führer“ für eine kürzere oder längere Zeitperiode wählt, verzichtet man auf die eigene Souveränität. Ob er nun ein absoluter Monarch, ein konstitutioneller Prinz oder nur ein einfacher Mandatar ist, mit dem kleinsten Teil einer Würde betraut, der Kandidat, dem Ihr zu einem Thron oder einem Parlamentssitz verholfen habt, er steht jetzt „über“ Euch. Ihr ernennt Männer, die „über den Gesetzen stehen“, weil sie es unternehmen, dieselben zu machen, und ihr Bestreben wird sein, Euch nun auch gehorsam zu machen.
Ein Wähler sein, heißt ein Narr sein. Es heißt glauben, daß Menschen wie Ihr selbst plötzlich durch das Gebimmel einer Glocke die Fähigkeit erhalten, alles zu wissen und alles zu verstehen. Eure Mandatnehmer machen Gesetze über alles; von Lucifer-Streichhölzern bis zu Kriegsschiffen, von der Vernichtung der Raupen an den Bäumen bis zur Austilgung von Völkern, ob roten oder schwarzen. Es muß für Euch den Anschein haben, daß ihre Intelligenz gerade durch die Unendlichkeit ihrer Aufgaben immer größer wird. Die Geschichte lehrt, daß das Gegenteil der Fall ist. Macht hat immer nur ihre Besitzer eitel und albern gemacht, vieles Reden stets verdummend gewirkt. In den regierenden Körperschaften herrscht die Mittelmäßigkeit fatalistisch vor.

Wählen heißt Verrat heraufbeschwören. Zweifellos glauben die Wähler an die Ehrlichkeit derjenigen, die sie wählen, und sie mögen am ersten Tage, wenn die Kandidaten in der ersten Hitze sind, Grund dazu haben. Aber wenn des Menschen Umgebung sich ändert, dann ändert er sich selbst auch. Heute verneigt sich der Kandidat vor Euch — vielleicht etwas zu tief. Morgen wird er sich wieder aufrichten und vielleicht zu hoch. Derselbe, der um Eure Stimme bettelte, er wird Euch jetzt Befehle erteilen. Kann der Arbeiter, der Werkmeister geworden ist, derselbe bleiben, der er vorher war, ehe ihn die Gunst des Unternehmers beförderte? Lernt nicht der lärmende Demokrat sein Rückgrat biegen, wenn der Bankier sich herabläßt, ihn in sein Kontor einzuladen, wenn die Diener von Königen ihm die Ehre antun, sich mit ihm in den Vorzimmern zu unterhalten? Die Atmosphäre der gesetzgebenden Körperschaften ist zum Atmen ungesund. Ihr schickt die Mittelmäßigen von Euch nach einer Stätte der Korruption, wundert Euch nicht, wenn sie verdorben herauskommen.

Deshalb entsaget nicht. Vertraut Euer Schicksal nicht Menschen an, die unvermeidlich unfähig und künftige Verräter sind. Wählt nicht! Anstatt, daß Ihr Eure Interessen anderen anvertraut, verteidigt Euch selbst. Anstatt daß Ihr Euch einen Anwalt nehmt, der Euch Ratschläge über zukünftige Handhabungen gibt, handelt selbst. Gelegenheit dazu ist immer für diejenigen, die sie wollen. Auf einen anderen die Verantwortung für sein eigenes Betragen abwälzen, heißt Mangel an Mut zeigen.
Ich grüße Euch von ganzem Herzen, Genossen.
Elisée Reclus

Quelle: https://www.anarchismus.at

Beitragsbild von hier.

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3 Kommentare zu „Wählen heißt Entsagen

  1. Lieber Ludwig
    Das Märchen vom Rotkäppchen beschreibt, wie das römische Recht (Wolf) das Deutsche Recht (Rotkäppchen) und das Deutsche Folk (Grosmater) geschluckt hat (wohlgemerkt nur geschluckt). Die Grosmater wohnt bei der Eiche und dem Haselgezweig. Das ist der Thing-Platz. Auf diesem Platz wurde Einstimmig „gewählt“. In einer vatikanisch-römischen Diktatur wird DämonKratisch abgestimmt, mit 49% Gegnern am Ende. Wunderbar um mit einem Imperator (aktuell nennt er sich Je sui Franz) dann das Spiel „Teile und HERR-sche“ zu spielen.
    Gaddafi war, soweit ich das recherchiert habe, auch nur Sprecher von Stammesältesten. Genauso wie es vor der Vatikanisierung hier war. Wir hatten nur Sprecher von Stammesältesten zu einem Thing gesandt, es gab keinen Führer, dem man seine Stimme gegeben hatte. Der Stammes (ROD)-Älteste wiederum hatte auch „nur“ das zu künden, was im Stamm >einstimmigHohe neue Sonne<-Kuchen (HO NIG-Kuchen) und Wein soll das Deutsche Folk genesen, nach dem der Jäger (eventuell die Erwachten) Rom den Bauch aufschlitzen und die Wackersteine reinfüllen.
    Deshalb: Keinen Zucker mehr essen, nur noch HO-NIG!
    Liebe Grüße von BABA MAGNI

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