Ein Gedanke zur Sprache und Bilder – Bildung

Meine ersten Fotos machte ich mit einer Agfa-Box mit Schwarz-Weiß-Film 6×9 cm. Die kostete damals für ein Kind die unvorstellbare Summe von19,50 DM. Taschengeld gab es so gut wie keines um sich so was leisten zu können. Und wenn, haben wir die wenigen Pfennigbeträge aufgebessert, indem wir sie durch die Straßenbahn auf die Größe eines Zehnpfennigstücks plattwalzen ließen, damit sie in den Kaugummiautomat paßten. Den Apparat schenkte mir ausgerechnet der Pfaffe im Dorf, der sich mittlerweile eine Leica für 1.000 DM leisten konnte. Seine Bedingung war, daß ich Fotos von Gottes Gnaden mache – also Fotos rund um die Kirche. Nach der ersten Präsentation der Fotos, deren Entwicklung Opi finanzierte, war er nicht mehr von meiner Fotokunst begeistert. Beschimpfte mich sogar Bastard, der zu nix taugt. In dieser Szene war meine Abneigung zur Kirche, Religion und Pfaffen einprogrammiert, die mir aber erst viel später bewußt werden sollte. Hatte alles photographiert, was vor die Linse kam. Nur nicht das was er sehen wollte. Seiner Forderung nach Kirchenfotos kam ich nach, indem ich nur die diabolischen Fratzen an der Fassade im Kasten hatte. Drinnen photographieren war nicht möglich, mangels Blitzgerät. Diese Fotos empfand er als eine Art Gotteslästerung, soweit ich mich erinnern kann. Hab überhaupt nix mehr kapiert. Was kann an einem Gotteshaus schlecht sein? Zog weiter durch das Dorf und photographierte alles mögliche. Hund, Katze, Häuser, Traktor und Menschen aus einer Entfernung, die auf dem Bild so groß wie ein Muckenschiß waren und …. . Oft grottenschlecht, weil unter-,  überbelichtet oder unscharf. Das interessierte viele Betrachter jedoch wenig. Es waren kleine Kunstwerke, die mit etwas Phantasie das Leben abbildeten. Wenn ich Opi erzählte, guck mal, dieser Fleck auf dem Foto vor deiner Scheune bist du, hatte er sich erkannt und riesig gefreut. Fotos werden erst mit der Erklärung lebendig. Solange ich nicht über deren Geschichte informiert bin, sind sie bedeutungslos. Bestenfalls lustige Unterhaltung, wie dieses Bild zeigt:

Bildquelle: WIKIPEDIA

Sieht der nicht niedlich aus? So ein Haustier hat nicht jeder, der vor die Haustüre scheißt. (Aus meinem Märchen hier.

Ist es heute anders? Ich sehe ein Foto in den Medien, auf Fratzenbuch oder sonstwo und jemand erklärt mir, auf diesem Foto ist dies oder das zu sehen. Die Abbildungsqualität ist selbst mit der billigsten Handycamera  um Äonen besser. Die Aussagekraft auch? Ich denke, nein. Photographiere ich heute eine Glatze oder einen Zottelbart, so steht das Bild nur für sich neutral, so wie der Muckenschiß. Allenfalls mit der Beurteilung – ich mag eine Glatze nicht. (Ich habe auch lieber keine Haare auf dem Kopf als eine Glatze.) Bette ich es jedoch in Kommentare ein, in denen Nazieee oder Taaalibaan vorkommen, dann kocht die Emotionen hoch. Wie ist das möglich?

Worte zerstören nur, wo sie nicht hingehören, gab mal eine jüdische Schlagersängerin von sich. Wie war. Am Anfang steht das Wort und nicht das Bild. Das Wort formt das Bild – unsere Bildung. Bei der Zeugung eines neuen Lebens – also mit der Beseelung des Fötus sind wir noch blind und hören nur Worte bis wir einige Zeit nach der Geburt die Augen benutzen. Damit nicht genug. Die Welt selbst entdecken ist nicht. Anstelle dem Neugeborenem sofort eine klare Sprache zu vermitteln, wird es erst mal auf eine Art Affensprache (Verzeih mir Affe den Vergleich) trainiert. Sie sehen die Dinge in ihrem nächsten Umfeld und was sagt Mutti oder Papi dazu? Lassen wir Anna Luz de León etwas dazu sagen: hier lesen

Es wird gerne als abstrakte Sprache entschuldigt, weil der Minderbemittelte äh der noch nicht soweit Entwickelte eine klare Sprache nicht oder noch nicht verstehen kann. Diese fast auf Dummlaute reduzierte Sprache war in früheren Zeiten recht schnell mit der Entwicklung des Kindes vorbei. Heute ist sie trendy. Nicht mehr wegzudenken aus Politik und Werbung, die das kleine Arschloch noch bei Laune hält. Siehe dir nur die jüngsten Wahlplakate an oder die Werbung für den Wohlstandsmüll. Der Informations- oder Bildungsgehalt von Fotos oder Bilder ist ohne begleitende Worte neutral. Allenfalls der angeborenen gesunden Interpretation zugänglich. Hier greift für mich die Poesie, die jedem Menschen aus früheren Inkarnationen noch zugänglich ist, die jedoch durch die verkrüppelte Sprache entmenschlicht wird.

„Die Sprache gehört
zum Eigentum, zur Eigenart, zum Erbteil, zum Vaterland
des Menschen, das ihm anheimfällt, ohne daß er dessen
Fülle und Reichtum kennt. Die Sprache gleicht nicht nur einem
Garten, an dessen Blüten und Früchten der Erbe bis in
sein höchstes Alter sich erquickt; sie ist auch eine der großen
Formen für alle Güter überhaupt. Wie Licht die Welt und ihre
Bildung sichtbar macht, so macht die Sprache sie im Innersten
begreifbar und ist nicht fortzudenken als Schlüssel
zu ihren Schätzen und Geheimnissen. Gesetz und Herrschaft
in den sichtbaren und selbst den unsichtbaren Reichen fangen
mit der Benennung an. Das Wort ist Stoff des Geistes
und dient als solcher zu den kühnsten Brückenschlägen; es
ist zugleich das höchste Machtmittel. Allen Landnahmen im
Konkreten und Gedachten, allen Bauten und Heerstraßen,
allen Zusammenstößen und Verträgen gehen Offenbarungen,
Planungen und Beschwörungen im Wort und in der
Sprache und geht das Gedicht voran. Ja man kann sagen,
daß es zwei Arten der Geschichte gibt, die eine in der Welt
der Dinge, die andere in der der Sprache; und diese zweite
umschließt nicht nur den höheren Einblick, sondern auch die
wirkendere Kraft. Selbst das Gemeine muß sich immer wieder
an dieser Kraft beleben, auch wenn es in die Gewalttat
stürzt. Aber die Leiden vergehen und verklären sich im Gedicht.
Es ist ein alter Irrtum, daß aus dem Zustand der Sprache
darauf geschlossen werden könne, ob ein Dichter zu erwarten
sei oder nicht. Die Sprache kann sich in vollem Verfall

(Seite) 95

befinden, und ein Dichter kann aus ihr hervortreten wie ein
Löwe, der aus der Wüste kommt. Ebenso kann nach hoher
Blüte die Frucht ausbleiben.
Die Sprache lebt nicht aus eigenen Gesetzen, denn sonst
beherrschten Grammatiker die Welt. Im Urgrund ist das
Wort nicht Form, nicht Schlüssel mehr. Es wird identisch mit
dem Sein. Es wird zur Schöpfungsmacht. Und dort liegt seine
ungeheure, nie ausmünzbare Kraft. Hier finden nur Annäherungen
statt. Die Sprache webt um die Stille, wie die Oase
sich um eine Quelle legt. Und das Gedicht bestätigt, daß der
Eintritt in die zeitlosen Gärten gelungen ist. Davon lebt dann
die Zeit
Selbst in Epochen, in denen die Sprache zum Mittel von
Technikern und Bürokraten herabgesunken ist und wo sie,
um Frische vorzutäuschen, beim Rotwelsch Anleihen versucht,
bleibt sie in ihrer ruhenden Macht ganz ungeschwächt.
Das Graue, Verstaubte haftet nur ihrer Oberfläche an. Wer
tiefer gräbt, erreicht in jeder Wüste die brunnenführende
Schicht. Und mit den Wassern steigt neue Fruchtbarkeit herauf.“

(Schlußsatz aus „Der Waldgang“ von Ernst Jünger. Klett-Cotta Verlag, als pdf im I-Net)

Das Schöpferische Potential des Menschen durch die Sprache wird vor allem mit dem anglizistischen Neusprech und der genderwahnsinnigen Verkrüppelung der Sprache zerstört. Wozu das alles? Es läßt sich mir nicht erschließen. Der geistig menschliche Zerfall folgt der Verkrüppelung der Sprache. Irgendwelche Weltenlenker dafür verantwortlich zu machen, scheint mir eine billige Ausrede. Positive Veränderungen im menschlichen Zusammenleben beginnen in der klaren ehrlichen Kommunikation. S. hierzu meine Buchrezension: Die vier Versprechen von Don Miguel Ruiz. hier zu finden.

Wenn diese Grundregeln nicht mehr greifen, können wir uns sonst noch so anstrengen – es geht den Bach runter mit den Menschen.

Die Sprache / Schrift formt das Bild, das erst Begehrlichkeit schafft. Ein Sonnenaufgang, eine millionenschwere Jacht oder ein Atompilz ist für den menschlichen Verstand im Bild / Foto eingefangen, bedeutungslos. Selbst die grauenhaften Bilder vom Hieronymus Bosch sind neutral, so sie nicht von irgendeiner Kanzel mit Worten „beseelt“ werden. Der „Volksempfänger“ , der übrigens in jeder Nation auf der Welt im letzten Jahrhundert installiert wurde, hat die Menschheit mehr in die Irre geleitet als Milliarden von Bildern. Ist heute brisanter als jemals zuvor. Das fernsehen wird überbewertet. Es sind die Sprüche, die darin geklopft werden.

Am Anfang stand das Wort – die Sprache. Worte zerstören nur, wo sie nicht hingehören.

Nochmal aus „Der Waldgang“:

„Die Sprache gehört zum Eigentum, zur Eigenart, zum Erbteil, zum Vaterland
des Menschen, das ihm anheimfällt, ohne daß er dessen Fülle und Reichtum kennt.

Wird sie nicht an ihrem Ursprung gepflegt, verwahrlost der Mensch.

Taten folgen den Worten – und nicht umgekehrt.

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