Der Panther

1970 war ich das letzte Mal im Zoo. Hatte noch nicht begriffen, was dort abläuft, mich aber angewidert beschämt abgewendet als ich einen Panther im Käfig sah. Heute weiß ich, daß dieser Panther für unser jetziges Schicksal steht. Nur mit dem Unterschied, daß er keine Chance hatte, dem zu entkommen.

Der im Zoo elendig seiner Natur entwürdigenden Gefangenschaft dahinsiechende Panther in Rilkes Gedicht ist eine Metapher unseres eigenen Käfigs, den wir um uns bauen. Wir sperren uns selbst in solche Käfige ein mit Hochglanz des selbstgemachten Egos. In diesem Gedicht steckt die ganze Idiotie der Menschen drin. So wie er die Tiere und die Natur einsperrt, so sperrt er sich selbst ein. Elendig zwischen teuren Gartenzäunen sieht er sich in Freiheit gewogen – erhaben über alle anderen Wesen. Freiheit hinterm Gartenzaun wird ihm seit allen Zeiten durch die Pfaffen und Politiker eingebläut – beginnend mit der Schule. Wie soll er daher erkennen, was für einen Frevel und Leid er diesem Tier im Zoo antut? Seine eingebildete Freiheit erkauft er sich im Hamsterrad der Anbiederung an die  – geistigen – Käfigbauer. Seine Bewunderung und Begeisterung der unnatürlich lebenden Mitgeschöpfe im Zoo spiegelt doch nur sein eigenes Bewegungsprofil dar, das er so liebengelernt hat. Also ein Spiegel seines Selbst. Wie soll er dann erkennen, welches Leid er diesem Panther antut?

und hört im Herzen auf zu sein.

Der Mensch hat schon vorher aufgegeben im Herzen zu sein. Nur merkt er es nicht und hamsterradelt weiter.

Der Panther 
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

(Rainer Maria Rilke)

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