Grabrede für Unbekannte / Grabrede eines Lebendigen

Grabrede für Unbekannte ./. Grabrede eines Lebendigen

Ich wurde von einem Bekannten gebeten, eine Grabrede für eine nichtkirchliche Trauerfeier zu schreiben. Sein verstorbener Verwandter war mir eigentlich völlig unbekannt. Vom Hörensagen wußte ich, daß es in deren Verhältnis zueinander nicht zum Besten bestellt war. Die Aufgabe reizte mich. Brauchte aber wesentlich mehr Informationen um überhaupt etwas Vernünftiges aufs Papier zu bringen.

Also lud ich die Hinterbliebenen zu einem Informationsgespräch ein, das ich nach kurzer Zeit fast bereute. Die Familie war vollständig zerstritten mit dem Abgedankten. Sohn, Schwiegertochter und Enkelin übertrafen sich gegenseitig mit der Beschreibung von ‚egoistischer Drecksack, ‚erbärmlicher Jammerlappen‘ oder bester Opa aller Zeiten. Der Haß des Sohnes, die Verachtung der Schwiegertochter und die Liebe zum Opa der Enkelin, waren die Information, die mir zur Verfügung stand. Wie daraus eine Grabrede basteln, die den Anspruch erhebt, wenigstens im nachhinein mit richtigen Worten etwas Frieden mit dem Abgedankten herzustellen?

Da haben es die Pfaffen viel leichter. Die können mit ihrer Rede nach kurzem Statement zum Abgedankten – wir haben mit ihm einen wertvollen … bla bla verloren – auf den über der Kanzel zum Trocknen seiner Wunden ans Kreuz Genagelten verweisen, der uns alle erlöst. Alle sind dann zufrieden und zeihen sich das Requiem rein, das keine Sau versteht.

Kostprobe:

„Herr, gib ihnen die ewige Ruhe,
und das ewige Licht leuchte ihnen.
Dir gebührt Lob, Herr, auf dem Zion,
Dir erfüllt man Gelübde in Jerusalem.
Erhöre mein Gebet;
zu Dir kommt alles Fleisch.
Herr, gib ihnen die ewige Ruhe …
Herr, gib ihnen die ewige Ruhe,
und das ewige Licht leuchte ihnen.
In ewigem Gedenken lebt der Gerechte fort:
vor Unglücksbotschaft braucht er nicht zu bangen.“

Danach pfeift es nochmals aus den großen Rohren an der gegenüberliegenden Wand, die im Lärmpegel eines startenden Düsenfliegers nach Malle in nix nachstehen, um das Abschiedslied der Trauernden nicht mit dem Gequietschte von Helene Fischer zu verwechseln. Zum Abschluß noch das Amen, was das auch immer heißen sollte. Na ja, wenigstens noch kein – Gott ist groß.
Nicht schon wieder abschweifen Ludl.

Ich hatte mangels genügender Information über den Abgedankten wie bei solchen Reden üblich, seine guten Seiten hervorgehoben und danach über die Vier Gedanken zum friedlichen Miteinander gesprochen, in der Hoffnung, es bleibt bei den Trauernden etwas davon hängen. Bekam auch nach der Abschiedsfeier von allen Lob.

Nun, meine Grabrede ging  dennoch vollständig in die Hose, wie ich beim anschließenden Leichenschmaus feststellte. Keiner kapierte, was damit gemeint war. Dort ging es ab mit gegenseitigen Hate Speech. Daß die sich nicht gegenseitig die Birne eingeschlagen haben, ist ein Wunder. Zum Abschluß des großen Fressens und Saufens war ich froh, dieses Gesindel nicht mehr sehen zu müssen. Auf mein Honorar warte ich heute noch.

Wäre es da nicht besser, jeder schreibt seine Grabrede selbst? Selbs reflektierend, ehrlich. Er hat ja zum Schluß nix mehr zu verlieren. In diesen Zeiten, wo doch jeder sein Inneres auf Fratzenbuch raushängt, bis hin zu seine sexundfüfntzigsten Sexualorientierung mit Maikäfern oder so, dürfte das doch kein Problem mehr sein. Ehrlichkeit währt am längsten. Im ewigen Leben wird er dankbar dafür sein.  Da is nix mehr Rechtfertigung. Da kannst du nur noch zugucken, wie die dich niedermachen, weil du dein Erbe nicht anders verteilt hast.

Ich hatte mir darüber mal Gedanken gemacht.

Mein Weg, mein Abschied

Eine Todesanzeige macht die große Runde. Sie hat mich ebenso berührt, wie hunderttausende andere. Was ist das Besondere daran? Sie wurde nicht von den Hinterbliebenen, sondern von einem Zeitgenossen zu seinen Lebzeiten geschrieben, der wußte, daß er bald Abschied nimmt.

Hier könnt ihr die weiterlesen.

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2 Kommentare zu „Grabrede für Unbekannte / Grabrede eines Lebendigen

  1. Mein Papa tat so.
    Er hing keinerlei Religion an, auch sowas Verqueres wie „Atheismus“ interessierte ihn nix die Bohne. Er lebte, arbeitete 14/7 bis weit über das sogenannte Rentenalter, ritt zur Erholung wöchentlich aus und spielte täglich. Bach bis Chopin und Franck. Und schrieb seine Grabrede selber. Er beschrieb darin einfach ein bisschen sein Leben und bedankte sich für die liebevolle Zuwendung einiger ihm wichtigen Menschen.

    Ich bin stolz auf Papa. Unter anderem darum, weil er seine Grabrede selber schrieb.

    *****
    Wusste gar nicht, dass du einen Blog führst, du alter Geheimniskrämer du.

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