Schwerkraft und Käse

(Ludwig der Träumer will heute nur plaudern) Es gab Zeiten in meinem Leben die häufig von der Schwerkraft bestimmt wurden und mir regelmäßig den ganzen Tag versauten. Ich meine jetzt nicht die Schwerkraft, deren Wirkung erst richtig bewußt wird, wenn es mich auf die Schnauze haut, meine Nase plättet oder die des Hammers der es vorzieht anstelle den Nagel zu treffen meinen Daumen bevorzugt. Auch nicht die gefürchtete Schwerkraft an deren Desinteresse es im Physikunterricht so manchen Fünfer hagelte.

Es ist die triviale Schwerkraft, die frühmorgens mit dem Wecker rasseln in Hochform auffährt. Den ganzen Ludwig zog sie noch tiefer unter die Bettdecke – bloß jetzt nicht gleich aufstehen. Bitte liebe Schwerkraft bleib wenigstens noch zehn Minuten bei mir. Der Wecker hatte jedoch was gegen die Schwerkraft und terrorisierte nach zehn Minuten wieder. Das ganze Spiel zehnmal hintereinander.

Mist, schon wieder verschlafen – das dritte Mal diese Woche. Scheiß Schwerkraft. Mein Chef schmeißt mich raus, wenn ich schon wieder zu spät ins Hamsterrad komme. Die Ausrede mit der Schwerkraft kann ich nicht schon wieder bringen. Der Stau auf der Autobahn wegen hunderte von Geisterfahrern geht auch nicht mehr. Der überstellt mich sonst der Klapse.

Also schnell rein in die Klamotten ohne Dusche, eine Handvoll Wasser ins Gesicht und anstelle Zähneputzen auch noch das Mundspray mit Meister Propper verwechselt. Nicht mein Tag, aber Hauptsache rechtzeitig in die Maloche kommen. Ganz ohne Frühstück geht das aber nicht. Ein Stück Käse aus dem Kühlschrank und den Rest vom vertrockneten Baguette als Wegzehrung geschnappt. Ab ins Auto und rein in den Stau. Nicht schon wieder. So geht das nicht mehr weiter Ludwig. Den Streß tust du dir nicht mehr an. Wie erwartet, eineinhalb Stunden verspätet schon wieder. Keine Ausreden mehr. Was’n heute schon wieder, fragte  der Chef mit erboster Stimme, aufgestellt wie ein wütender Gorilla mit wackelnden Nüstern.

Nichts lieber Chef, ich bin jetzt da und erledige die unsinnige Arbeit eh in der halben Zeit. ENTLASSEN FRISTLOS, tönte es aus seiner Sprechblase in der das Gebiß Ansätze zur Flucht zeigte. Sah lustig aus. Als hätte er gerade in die Hose geschissen verdrückte er sich augenblicklich.

Ludwig konnte ihm nur noch ein ehrliches Danke für die Entlassung und mach‘s gut nachrufen. Das war sein letzter Job im Angestelltenverhältnis.

Gemütlich morgens um zehn wieder nach Hause gefahren. Dabei überlegt ob das Wort Job tatsächlich etwas mit der Romanfigur Hiob aus den Fantasiebüchern der Pfaffen zu tun hat. Egal – ich habe keinen Job mehr. Jetzt wird das nachgeholt was der Beginn eines guten Tags ausmacht und künftig stets gepflegt wird.

Der erste Gang zum Kühlschrank und den Käse rausgeholt, damit er bis zum Frühstück in ca. einer Stunde mit Wohlfühltemperatur sein volles Aroma entfalten kann. Dann ins Bad. Eine gemütliche Sitzung mit dem intelligentesten Menschen halten, den ich kenne. Also Selbstgespräche führen. (Während des Jobs sind solche Sitzungen verpönt, egal wie die untere Hirnhälfte plagt.) Ordentlich Zähneputzen mit unbehandeltem Steinsalz. Es braucht kein Meister Propper. Eine Dusche mit natürlicher Seife genießen, anziehen und ab in die Küche. Die ungelesenen Zeitungen mangels Zeit frühmorgens vor dem Job beiseite gelegt. Es war ein Stapel von einem Meter. Wer liest die noch? Bestelle die Abos ab.

Die triviale Schwerkraft war am jobfreien Wochenende seltsamerweise nicht vorhanden. Seit der Kündigung und dem Entschluß zur Selbständigkeit hat sie sich vollständig verkrümelt – jedenfalls meistens.
Es brauchte während der Woche auch kein Wecker mehr um diese zugunsten der kapitalistischen Ausbeuter zu bremsen. Fröhlich und ausgeschlafen steht Ludwig seither mit dem Sonnenaufgang auf. Manchmal sogar in der blauen Stunde. (selbst googln) Dementsprechend konnte der Käse rechtzeitig vor dem Frühstück sein volles Aroma für den Genuß erreichen. Wie liebe ich guten ausgereiften Käse.

Die Selbständigkeit ohne fremdbestimmten Wecker macht‘s möglich, den Tag streßfrei zu beginnen. . Nicht immer leicht – manchmal richtig Scheiße, aber ohne Idioten vor der Nase. Jederzeit würde ich diesen Weg wieder wählen, auch wenn sicher wäre, daß ich zeitweise versage und in der Gosse lande. Die triviale Schwerkraft kann also ein wichtiger Helfer sein um aus der Trägheit zu entfliehen.

Zurück zum Käse. Der kleine, von mir so geliebte Wochenmarkt im Dorf hat aufgegeben. Der Türke, der liebevoll frühmorgens um fünf nur frisches Gemüse und Obst in seinem Stand aufgebaut hatte und vor dem Verkauf nochmals überprüfte auf faule Teile, die er seinen Kunden nicht antun wollte. Seine Existenz wurde mit einem vom Bürgermeister verkauften Acker, der bald Bauland wurde und auf dem ein Discounter die ‚Ware‘ zu einen Drittel verkauft umgehend ruiniert. Lidl, Aldi und Netto mögen sich ob der Milliardengewinne aufgrund seiner Aufgabe einen runterholen. Edeka und Spar sind auch nicht besser. Selbst DM mit dem anthroposophischen Anspruch baggert da inzwischen mit. Irgendwann, wenn es so weitergeht, fressen wir nur noch Geld oder Soylent Green, wenn die alle Kleinen Händler kaputt haben.

Es gab auf dem Wochenmarkt noch einen Bäcker, der zwar in modernen Öfen aber nach alten Rezepten Brot backte. Der gab auch auf. Ein Kilo Brot beim Discounter kostet 1 €, bei ihm das Vierfache, nicht um sich zu bereichern, sondern um seine Existenz zu sichern. Genauso erging es dem Käsemann. Welch köstliche Käsesorten hatte der aus kleinen landwirtschaftlichen Betrieben in seinem Stand, zum Teil von seinem Sohn persönlich in Italien und Frankreich eingekauft, dessen Lebensziel es war als ehrlicher Kaufmann durchs Leben zu gehen, der niemand übervorteilen will. Schon die liebevolle Auslage vermochte mich, mehr zu kaufen als ich essen kann. Vor allem konnte ich den Käse vor dem Kauf probieren. Jeder war ein Genuß. Hätte am liebsten den ganzen Laden aufgekauft. Nun, der ist auch weg. Was bleibt? Der Einkauf im Discounter, wenn man nicht lange Wege zum letzten noch um die Existenz kämpfenden Wochenmarkt in Kauf nehmen will oder kann.

Ging daher zum Lidl und mir einen Käse mit der einladenden Verpackung mit einem Bild vom ‚Wiesenhof‘ gegönnt – 200 gr. Camembert für 79 ct. Beim Käsemann zahlte ich für die gleiche Menge 4 €. Wie früher gewohnt, rechtzeitig zur Aromasteigerung aus dem Kühlschrank geholt und mich auf das Frühstück gefreut. Der erste Biß hat mir fast die letzte Amalgamplombe aus dem Zahn gezogen. Ein Plastiksielzeug für einen Hund stelle ich mir genauso genußfreudig vor. Ist der noch blöder als der Mensch, daß er auf so was rum kaut? Nicht mein Thema heute.

Na ja, der Käse aus dem Discounter muß vielleicht noch etwas länger reifen als der Handgemachte, beruhigte ich mich. Ließ ihn noch zwei Tage auf dem Küchenbrett sich seiner Aufgabe für den Menschen ruhen um zur Besinnung zu kommen, wie es sich für handgemachten Käse heute noch geschickt. Weiterreifen, ihre eigene Würze entwickeln, bis kurz bevor die Maden den als Delikatesse entdecken. Dann schmeckt er am besten. Den hatte es nicht interessiert. Ließ ihm noch vier Tage zur Besinnung in der warmen Umgebung, endlich Käse zu werden. Nichts machte er. Er blieb seiner Bestimmung als billiger Magenfüller treu. Keine Made konnte ihm etwas anhaben. Er zog es vor sich in einen bestialisch stinkenden Sondermüll zu verwandeln.

Den Wurstmacher auf dem Wochenmarkt vermisse ich inzwischen auch, obwohl der mir nie ganz geheuer war. Ich hatte mal zufällig ein Gespräch zwischen ihm und seinem Lehrling gelauscht in dem er ihn zur absoluten Verschwiegenheit über die Zutaten verdonnerte.
„Bub, wenn rauskommt was da reinkommt, kommen wir rein und nimmer raus.“
Egal, seine Würste schmeckten himmlisch. Die waren noch nicht durch die künstlichen Aromen und Vitamine B, A, S und F verseucht. Es waren noch die Kräuter von Oma drin. Das Gerücht, der Lehrling hätte versehentlich den Gummistiefel vom Chef in die Mettwurst  verwurstet, halte ich für ein Gerücht. Selbst wenn – die schmeckte herrlich.

Auf dem Gelände des Wochenmarktes entsteht demnächst noch ein Discounter, ein 1 € Ramschladen für Klamotten, Schuhe und den täglichen Bedarf – also Rundumversorgung für das Verbrauchsgenie. Es braucht dem Wochenmarkt nicht nachheulen. Er, das unterste Niveau selbst gewählt  und hält es aufrecht. Das Niveau seines Verhaltens spiegelt sich in seinen ‚demokratisch‘ gewählten Vollstreckern wieder – die ihm nur noch geistigen Sondermüll präsentieren.  Das Verbrauchsgenie hat damit seine eigene Scheiße gewählt, die er frißt. Übertrieben? Das was dem Tier zugemutet wird ist nur ein Vorgeschmack, was auf uns zukommt. Gucke hier

Wenn wir das schon fressen, dauert es nicht lange bis wir die eigene Scheiße verklappt mit Meister Propper, Psychopharmaka und sonstige Intelligenzbloggern fressen. Egal. Dafür können wir uns über den neuesten 4 d – Flachbildschirm freuen. Über den wirst du geholfen, wie Leben geht, liebes Verbrauchsgenie. Noch Fragen?


Bildquellen:
Leo-setä / flickr CC 2.0 / leicht zugeschnitten
Jens-Olaf Walter / flickr CC2.0

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