Was ist Zeit? Geld?

Heute war mir ziemlich langweilig. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen. Langeweile? Sie scheint mir manchmal eine Metapher der Unfähigkeit zu sein, das pralle Leben in Schöpfers Sinne zu genießen. Lustlos habe ich die neuesten Nachrichten überflogen. Kurz innegehalten bei den alternativen Katastrophen- und Dumußtnurmeldungen. Auch diese reißen mich nicht mehr vom Hocker. Da muß doch noch etwas kommen. Aber was?

Zeit ist die Dauer der unsinnigen Tätigkeiten und Tristesse, denke ich des öfteren. Sobald ich irgendwelche Tätigkeiten in einem Zeitrahmen / Zeitfenster empfinde, stimmt irgend etwas nicht in der Natur meines Daseins. Der natürliche Fluß meines Lebens wird seit der Erfindung des Zeitmessers / Uhr terrorisiert. Ich lasse mich dadurch versklaven und in unsichtbare Ketten legen. Mit der Langeweile ist es ebenso bestellt. In unserem durch Schule leistungsgetriebenen und -pflichtigen Leben wird sie häufig als Versagen und Schuldbeladen verstanden, mit den entsprechenden psychischen Folgen. Dafür ist einfach kein Platz in unserer Leistungsgesellschaft. Daß die besten Ideen und Innovationen fernab des täglichen Schuftens aus der Langeweile – auch des Müßiggangs kommen, wird kaum noch wahrgenommen. Auch nicht gelehrt. Statt dessen wird uns eingebläut daß Müßiggang aller Laster Anfang ist.  Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen, bekommen wir bereits als Kleinkinder von den Pfaffen und Ökonomen eingetriggert. Wer Innehält, in sich geht, sich ab und an aus dem Hamsterrad ausklinkt wird im Kapitalismus als Schmarotzer betitelt, im Sozialismus als Volksschädling.

Die Hoheit über die „Zeitkontrolle“, die indoktrinierte Taktung des kleinen Arschlochs ist m. E. die größte teuflische List unter der die Menschheit zu leiden hat.

Es ist sicher kein Zufall daß der Spruch „Zeit ist Geld“ (Benjamin Franklin „Ratschläge für junge Kaufleute“ 1748) ausgerechnet am Anfang der Industriellen Revolution entstand. Die menschliche Arbeitskraft ließ sich bis dato nur begrenzt ausbeuten und war somit auch monetär begrenzt. Das änderte sich schlagartig mit der Erfindung der Maschinen. Die Produktion und der daraus erpreßte Gewinn schienen grenzenlos. Anstelle sich von der Maschine bedienen zu lassen um das natürliche Recht auf Faulheit http://www.wildcat-www.de/material/m003lafa.htm (Paul Lafargue, 1883)  (im Fluß der Natur leben) zu genießen, ließ sich der Mensch seither mit immer mehr unmenschlichen Folgen zum Bedienungspersonal der Maschinen degradieren. Zum Ausgleich darf er auch noch über seinen Bedarf ausgepreßten „Mehrwert“ an die „Obrigkeit“ abliefern die ihn zum Dank immer mehr Ketten anlegt. Gleichzeitig die Peitsche – schneller schneller. Welch eine Idiotie.

„Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht. Diese Sucht, die Einzel- und Massenelend zur Folge hat, quält die traurige Menschheit seit zwei Jahrhunderten. Diese Sucht ist die Liebe zur Arbeit, die rasende Arbeitssucht, getrieben bis zur Erschöpfung der Lebensenergie des Einzelnen und seiner Nachkommen. Statt gegen diese geistige Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und die Moralisten die Arbeit heiliggesprochen. Blinde und beschränkte Menschen, haben sie weiser sein wollen als ihr Gott; schwache und unwürdige Geschöpfe, haben sie das, was ihr Gott verworfen hat, wiederum zu Ehren zu bringen gesucht. Ich, der ich weder Christ, noch Ökonom, noch Moralist bin, ich appelliere von ihrem Spruch an den ihres Gottes, von den Vorschriften ihrer religiösen, ökonomischen oder freidenkerischen Moral an die schauerlichen Folgen der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft.

In der kapitalistischen Gesellschaft ist die Arbeit die Ursache des geistigen Verkommens und körperlicher Verunstaltung. Man vergleiche die von einem menschlichen Dienerpack bedienten Vollblutpferde in den Ställen eines Rothschild mit den schwerfälligen normannischen Gäulen, welche das Land beackern, den Mistwagen ziehen und die Ernte einfahren. Man betrachte den edlen Wilden, wenn ihn die Missionare des Handels und die Vertreter in Glaubensartikeln noch nicht durch Christentum, Syphilis und das Dogma der Arbeit verdorben haben, und dann vergleiche man mit ihm unsere elenden Maschinensklaven.

Wenn die Arbeiterklasse sich das Laster, welches sie beherrscht und ihre Natur herabwürdigt, gründlich aus dem Kopf schlagen und sich in ihrer furchtbaren Kraft erheben wird, nicht um die »Menschenrechte« zu verlangen, die nur die Rechte der kapitalistischen Ausbeutung sind, nicht um das »Recht auf Arbeit« zu fordern, das nur das Recht auf Elend ist, sondern um ein ehernes Gesetz zu schmieden, das jedermann verbietet, mehr als drei Stunden pro Tag zu arbeiten, dann wird die alte Erde, zitternd vor Wonne, in ihrem Inneren eine neue Welt sich regen fühlen — aber wie soll man von einem durch die kapitalistische Moral verdorbenen Proletariat einen männlichen Entschluß verlangen!“
aus: (Widerlegung des »Rechts auf Arbeit« von 1848, Paul Lafargue, 1883)

Was ist Zeit? Das was wir erst im Nachhinein – also dem Zeitintervall erkennen – die verpaßten Chance, wenn sie vorbei ist?

„Ich habe keine Zeit, gewinne in diesem Kontext eine ganz neue Perspektive. Der im Streß stehende Mensch, der sich nur an der Uhr-Einheitszeit orientiert, hat tatsächlich keine Zeit. Er hat seine Lebens-Zeit – seine eigene innere Uhr verkauft. Das kommt auf das Gleiche heraus, wie die Seele dem Teufel zu verkaufen.“ aus: https://bumibahagia.com/2017/02/25/ich-habe-keine-zeit-lebe-ich-dann-zeitlos/

Ich weiß immer noch nicht was Zeit wirklich ist. Sie wurde aber zur ultimativen Prämisse unseres Handelns auf allen Ebenen. Das Ende ist nahe (das Ende der Zeit?) wird uns täglich ins Gehirn gehauen. Wozu? Um uns noch mehr anzutreiben und den Profit ins Unermeßliche zu treiben? Um des Überlebens Willen in einer ? untergehenden Zeit, die einmal war?

Ich bin die Zeit (Erich Kästner)

Mein Reich ist klein und unabschreitbar weit.
Ich bin die Zeit.
Ich bin die Zeit, die schleicht und eilt,
die Wunden schlägt und Wunden heilt.
Hab weder Herz noch Augenlicht.
Ich trenn die Gut‘ und Bösen nicht.
Ich hasse keinen, keiner tut mir leid.
Ich bin die Zeit.

Da ist nur eins, – das sei euch anvertraut:
Ihr seid zu laut!
Ich höre die Sekunden nicht,
Ich hör‘ den Schritt der Stunden nicht.
Ich hör‘ euch beten, fluchen schrei’n,
Ich höre Schüsse zwischendrein;
Ich hör‘ nur Euch, nur Euch allein …
Gebt acht, ihr Menschen, was ich sagen will:
Seid endlich still!

Ihr seid ein Stäubchen am Gewand der Zeit, –
Lasst euren Streit!
Klein wie ein Punkt ist der Planet,
Der sich samt euch im Weltall dreht.
Mikroben pflegen nicht zu schrei’n.
Und wollt ihr schon nicht weise sein,
Könnt ihr zumindest leise sein.
Schweigt vor dem Ticken der Unendlichkeit!
Hört auf die Zeit!

Bildquelle Beitragsbild: https://www.fotocommunity.de/photo/zeit-ist-geld-carlosb/36832903

3 Kommentare zu „Was ist Zeit? Geld?

  1. Lieber Ludwig,
    als alter DDR-Knochen darf ich dir versichern, dass im „Sozialismus“ der Begriff Volksschädling im Nationalsozialismus verortet wurde.
    Wer in der DDR nicht oder ungenügend arbeitete, war nur asozial…

    liebe Grüße vom krazzi

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